D-ARCH spacer Professor Gion A. Caminada
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ORTE SCHAFFEN

ist ein Projekt für den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Handwerk, Architektur und anderen Disziplinen. Die Kernidee besteht darin, Räume zu schaffen, die einen unmittelbaren Bezug zu ihren Bewohnern haben. Wir vertreten die Überzeugung, dass der Mensch erst aus dem Überschaubaren heraus fähig und bereit ist, wirksame Motivationen zu entwickeln und schlussendlich Verantwortung für den eigenen Ort und für die Umwelt zu übernehmen. Dabei sind wir uns bewusst, dass dieses Überschaubare nicht für alle Aspekte der menschlichen Existenz in dieser Welt steht. Das Projekt Orte schaffen will an spezifischen Themen forschen, die uns bewegen und die als verantwortlich für die Vernichtung von Differenzen und kultureller Vielfalt betrachtet werden. Die Kooperation zwischen Forschern, Spezialisten aus den verschiedensten Fachgebieten, Lehrern und Studierenden, Planern und Entscheidungsträgern wird gesucht und soll möglichst konkret und praxisorientiert sein.

 

Die Kulturlandschaft in den Bergen

 

ORTE SCHAFFEN XVIII | FS 18

 

Die Kulturlandschaft in den Bergen

 

Das Dorf guter Nachbarschaften

 

Die Kulturlandschaft im Berggebiet ist im Wandel. Die vielen leerstehenden Ställe – sowohl in der offenen Kulturlandschaft wie in den Dörfern – machen dies bildlich sichtbar. Was machen wir mit Ställen,die in ihrer ursprünglichen Art nicht mehr gebraucht werden? Diese Frage haben wir uns im letzten Semester gestellt. Ohne die Sicherheit, sie abschliessend beantworten zu können, haben wir in verschiedenen Dörfern des Val Lumnezia unterschiedliche Nutzungsvorschläge für leerstehende Ställe entworfen. Im Laufe dieser Forschungsarbeit wurde unsere Annahme bestätigt: der Umgang mit Ställen ist weit mehr als nur eine Frage der Gestaltung – es ist eine kulturelle Herausforderung. Die Frage, «Was ist möglich?», genügt damit nicht. Sie muss explizit zur Frage überleiten: «Was wollen wir?». Nur dann schaffen wir die Bedingungen für ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Kulturlandschaft.

 

Im Herbstsemester 2017 haben wir uns mit den Ställen im Dorf befasst; die Ställe in der freien Kulturlandschaft blieben trotzdem Teil der Betrachtung. Dorf und Landschaft sind eine kulturelle Einheit – entstanden aus dem Zusammenwirken verschiedener Elemente. Gemäss unseren Recherchen und den geführten Diskussionen stabilisierte sich eine Grundhaltung, sowohl im Umgang mit den Ställen in der Kulturlandschaft wie in den Dörfern:

 

- Die Spannung in der offenen Kulturlandschaft ist möglichst hoch zu halten. Diese Spannung, die eine Art von Freiheit vermittelt, verschwindet zunehmend durch Aneignungen, die einer unmittelbaren Wechselbeziehung zwischen Landschaft und Mensch widersprechen. Als Beispiel wäre die Transformation von Ställen zu einem (touristischem) Wohnen zu nennen, die nur eine einseitige Beziehung repräsentiert. Die so begehrenswerten Kulturlandschaften sind ortsspezifisch und damit einzigartig. Die sinnhafte Besonderheit und die Eigenheit machen den Unterschied zur allgemeinen Umwelt aus. Die Kulturlandschaft ist das ästhetische Ergebnis von Achtsamkeit und Aneignung, getragen von lokalen Bedingungen und angepassten Wirkungsweisen. Mit der Freihaltung von Nutzungen, die ausserhalb der Wechselbeziehungen zwischen Landschaft und Mensch sind, leisten wir zudem Widerstand gegen die Zersiedelung.

 

- Unser Umgang mit den Ställen im Dorf folgt dem Ziel, die Kraft des Ortes zu erhalten und zu stärken. Das führt zu Differenzen zu anderen Orten und letztendlich zu Identität und Zugehörigkeit. Für die Ställe im Dorf herrscht ein grosses Interesse von aussen. Ihre archaische Kraft fasziniert vor allem Menschen aus der Stadt; sie entsprechen einem Sehnsuchtsraum für ausserordentliche Lebensstile. Ohne dieser Art von Aneignung zu widersprechen stellen wir fest: die Dörfer können sich in dieser Vorstellung nicht entwickeln, sie erstarren. Die Bilder werden ausserhalb von konkreten Erfahrungen höchstens narrativ gelebt und der Umgang mit dem Ort degeneriert zu einem kulturellen Voyeurismus. Das Paradoxe an dieser Haltung: langfristig gehen uns die Bilder aus, weil blosse Kulissen keine dauernde Kraft und keine Wirkung haben. Darum muss die Entwicklung des Ortes den zukünftigen Lebensraum als Ziel haben, die unreflektierte Transformation von Ställen zu Wohnzwecken folgt einem Utilitarismus, der dieses Ziel verfehlt.

 

Wir hatten im Semester einen klaren Anspruch: die Entwürfe sollen mehr als nur eine Arbeit am Objekt sein. Sie sind Forschungsarbeiten vor einem kulturellen Hintergrund. Bei den Entwürfen haben die Studierenden versucht der Autonomie der Architektur zu vertrauen. Das obwohl oder vielleicht gerade weil die stattgefundene Auseinandersetzung transdisziplinär war – als Einstieg fand ein Diskurs mit verschiedenen Interessensgruppen statt. Dabei ging es darum, unterschiedliche Zugänge auf einen gemeinsamen Gegenstand auszurichten. Im eigentlichen Entwurf stand nicht die Transformation der Ställe zu anderen Zwecken im Fokus, sondern eine Dorfentwicklung – der sinnstiftende Raum, Architektur.

 

Nicht nur die offene Kulturlandschaft ist im Wandel, auch die Dörfer verändern sich. Im Dorf gab es bis vor kurzem eine geringe Arbeitsteilung; Wohnen und Arbeiten waren eins. Mit der Auslagerung und dem Verschwinden der Landwirtschaft und durch das Pendeln zu Arbeitsplätzen ausserhalb des Dorfes wurde diese Geschlossenheit aufgelöst. Und damit auch die Dichte und Verbindlichkeit sozialer Beziehungen. Touristische Konzepte und das grosse Versprechen digitaler Arbeitsplätze können das Wohnen und Arbeiten ein Stück weit wieder vereinen. Die Lebendigkeit der Lebensräume kommt jedoch, u.a. aufgrund der fehlenden Produktion, nicht zurück. Die Ökonomen gehen davon aus, dass die Mindestgrösse eines Dorfes bei 500 Menschen liegen muss, damit eine Sicherstellung dessen, was die Menschen täglich brauchen – Schule, Läden, Gasthäuser und andere Infrastrukturen – garantiert ist. Ist das Dorf kleiner, so verliert es seine Funktionsfähigkeit. Diese Grösse erreicht fast keine Gemeinde im Val Lumnezia. Laut Prognosen ist jede zweite Berggemeinde aufgrund ihrer Strukturschwäche langfristig nicht überlebensfähig. Dieser Umstand hat zu den Gemeindefusionen geführt. Auch Im Val Lumnezia ist dies kürzlich geschehen. Man redet im Tal nun nicht mehr von Gemeinden sondern von Fraktionen. Zwischen diesen Fraktionen bestehen zurzeit noch lose Beziehungen. Durch Nutzungsteilung können die Infrastrukturen aufrecht erhalten werden und ihren Funktionen gerecht werden.

 

Gute Orte werden jedoch nicht ausschliesslich vom Rationalen getragen. Auf dem Weg zum Sinnhaften stellt sich die pragmatische Frage, wie die einzelnen Dörfer attraktiv werden können. Kann ihre Anziehungskraft gestärkt werden – auch für junge Menschen? Und können neue Infrastrukturen einen sinnstiftenden Beitrag dazu leisten? Wir glauben, dass unter den geänderten Bedingungen im Val Lumnezia weniger die Grösse des einzelnen Dorfes entscheidend ist sondern vielmehr die Art und Weise wie sich innere Gemeinschaften bilden. Gute Nachbarschaften. Nachbarschaften sind beträchtlich mehr als morphologische oder typologische Verwandtschaften. Als soziale Gebilde reichen sie, gerade im dörflichen Alltag, weit über die Funktion des Wohnens hinaus. Sie sind räumliche Vermittlungen zwischen Arbeiten und Wohnen, die immer mehr Adressaten einbeziehen als durch die eigentliche bauliche Intervention betroffen sind. So verstanden sind gute Nachbarschaften katalytische Konstellationen, die die Gemeindeentwicklung auf ein neues Niveau heben. Sie gewinnen ihre Kraft daraus, dass bauliche Interventionen die Plattformen für neue Ereignisse schaffen. Bei unseren Entwürfen wollen wir von möglichen Ereignissen ausgehen. Was soll sich ereignen und was bewirkt dieses Ereignis? Auf dem Weg zu solchen Nachbarschaften sehen wir im Ereignis eine wichtige Kraft. «Starke und kulturell eigenständige Orte entstehen dann, wenn ein spezifisches, imaginiertes Ereignis erstens den Entwurf anleitet und zweitens dieses Ereignis auch von der Baustruktur und den Menschen getragen wird». Im Entwurf stellen wir uns Ereignisse vor die dem Dorf eine sinnstiftende Lebendigkeit bringen.

 

Im kommenden Semester wollen wir wiederum die Stallfrage ins Zentrum stellen. Was können die Ställe für einen Beitrag zur Lebensqualität im Dorf leisten? Welche Bedeutung hat der Stall in der Dorfentwicklung: seine Struktur, seine bauliche Substanz, das Material, und was können die Ställe an Erinnerungen und Emotionen auslösen, die zeitübergreifende Bindungen nach sich ziehen? Die Ställe sind für das Lebensgefühl vieler Orte noch immer entscheidend. Darum gehen wir der Frage nach, welchen Stellenwert und welches zu entdeckende Potenzial die Ställe darin haben. Aus solchen Potenzialen entstehen Wirklichkeiten. Kulturelle, wirtschaftliche und soziale Wirklichkeiten werden wesentlich davon bestimmt, welche Möglichkeiten in ihnen gesehen werden. Der Stall hat seine Funktion verloren und verschiebt sich dadurch zum heterotopen Typus, zur Kehrseite des Brauchbaren. Dieses Zweckfreie macht uns bis zu einem gewissen Grad frei. Wir wissen jedoch, in einer Gemeinschaft ist man nur bedingt frei.

 

Wir entwickeln an mehreren Dörfern des Val Lumnezia die Idee von guten Nachbarschaften. Die Dörfer sind in ihrem Wesen ähnlich und doch sind sie unterschiedlich. Die Einen sind noch immer sehr stark von der Landwirtschaft geprägt, andere haben sich stärker dem Tourismus zugewandt. Darum sind auch unterschiedliche Herangehensweisen gefordert. In einigen Dörfern fehlt Wohnraum. Dort gehen wir der Frage nach, was für einen Mehrwert die Kombination von einem bestehenden Stall mit einem neu zu planenden Wohnraum für das Wohnen erbringen kann und ob dies gar zu einem anderen Wohnen führt. An anderen Orten stehen viele Häuser leer – der Ort ist nicht attraktiv genug. Die bekannten Gründe reichen von der zu peripheren Lage bis zur fehlenden Aussicht. Dort suchen wir einen gut geeigneten Stall und bauen ihn zu einem anderen Landwirtschaftsbetrieb, zu einem Gasthaus, Hotel, Kino, zu einem Produktionsort für Handwerk usw. um. Der Bezug zu etwas Vorhandenem ist bedeutend. Gesucht sind Ideen, die Nachbarschaften hervorbringen. Nachbarschaften, die von einer inneren Kohärenz getragen sind, sich aber auch durch die Beziehung zu anderen Nachbarschaften auszeichnen. Eigenes und Anderes stärken sich gegenseitig – ein wichtiger Wert für die neue Gemeinde Lumnezia. Jeder Entwurf bearbeitet einen bestimmten Ort und eine bestimmte Aufgabe.

 

Entsprechend der üblichen Herangehensweise an unserem Lehrstuhl, nehmen wir uns neben der Arbeit am Entwurf Zeit um über wichtige Themen der Architektur nachzudenken. Die Nähe zu den Wirklichkeiten ist uns auch diesesmal wichtig. Verschiedene Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft werden uns begleiten und unterstützen. Entscheidend für unsere Entwürfe bleibt die Frage nach der Leistung der Architektur. Wir glauben, dass die Architektur der Zukunft eine Architektur der Beziehung sein muss. Beziehungen entstehen durch die Nähe zu den Menschen und zu den Dingen. Aus deren Verstehen und Begreifen lösen sich die wesentlichen Fragen der Architektur. So auch im Val Lumnezia.

 

Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich

Assistenten: Lorenz Jaisli, Timon Reichle, Franziska Wittmann

Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger

Anzahl Studierende: 18

Unterrichtssprache: Deutsch

Arbeitsweise: Einzelarbeit

Aufgabentyp: Entwurf (LV 052-1102-18, 14KP)

Einführung: Dienstag, 20. Februar 2018, Atelier Gisel, 10 Uhr

 

Download Semester-Programm: PDF


08.01.2018 webmaster@arch

 

 
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