D-ARCH spacer Professor Gion A. Caminada
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ORTE SCHAFFEN

ist ein Projekt für den Dialog zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Handwerk, Architektur und anderen Disziplinen. Die Kernidee besteht darin, Räume zu schaffen, die einen unmittelbaren Bezug zu ihren Bewohnern haben. Wir vertreten die Überzeugung, dass der Mensch erst aus dem Überschaubaren heraus fähig und bereit ist, wirksame Motivationen zu entwickeln und schlussendlich Verantwortung für den eigenen Ort und für die Umwelt zu übernehmen. Dabei sind wir uns bewusst, dass dieses Überschaubare nicht für alle Aspekte der menschlichen Existenz in dieser Welt steht. Das Projekt Orte schaffen will an spezifischen Themen forschen, die uns bewegen und die als verantwortlich für die Vernichtung von Differenzen und kultureller Vielfalt betrachtet werden. Die Kooperation zwischen Forschern, Spezialisten aus den verschiedensten Fachgebieten, Lehrern und Studierenden, Planern und Entscheidungsträgern wird gesucht und soll möglichst konkret und praxisorientiert sein.

 

Val Lumnezia

 

ORTE SCHAFFEN XIV | FS 16

 

Val Lumnezia –
Widerstand und Idee

 

Hardt und Negri halten im Buch Empire. Die neue Weltordnung fest: „Das kommende imperiale Universum ist in seiner Bedeutungsblindheit erfüllt von der vielfältigen Totalität der Produktion von Subjekten. Der Niedergang ist heute nicht mehr künftiges Los, sondern gegenwärtige Realität des Empire.“ Von einem solchen grenzenlosen Anspruch auf Entfaltung von Individualität und der gleichzeitigen Loslösung von Konventionen und gesellschaftlichen Vereinbarungen wird heute kaum ein Ort verschont – auch nicht die Prozesse der Planung und der Architektur. Diese Selbstbezogenheit ohne die Berücksichtigung der Singularitäten des Kontextes, hat zur Folge, dass trotz qualitätsvollen Architekturen selten Orte von wirksamer Kraft und damit Orte der Identität entstehen. Einer solchen Identität, die unsere Gewohnheiten prägt oder unsere Lebensgeschichten bejaht. Ein Blick in die Vergangenheit beweist, dass Raumplanungsstrategien, Baugesetze und Reglementierungen diese qualitätsvollen und ganzheitlichen Orte genauso wenig hervorbringen wie die Handlung uneingeschränkter Freiheit mit der blinden Konzentration auf Innovation und Kreativität. „Im Empire besteht die Herausforderung nicht darin, gegen die Prozesse Widerstand zu leisten, sondern sie umzugestalten und in Richtung auf andere Ziele zu lenken“, so Hardt und Negri weiter. Diesem Ansatz stimmen wir zu und befolgen ihn auch in unserer Zugangsweise. Da die Ziele im Empire strukturell verdeckt bleiben (Hardt und Negri: „Heute sind die Erscheinungsformen der Krise und der Praktiken des Empire nicht mehr voneinander zu unterscheiden.“) und konkrete Ziele auch im Protest gegen das Empire noch nicht ersichtlich sind, setzen wir auf eine sinnhafte Handlungs-Wirklichkeit mit starkem Bezug zum Ort bei gleichzeitig offenem Blick auf die Welt. Wir glauben an deren Gegenkraft zu dem, was Hardt und Negri treffend als die Realität des Empire beschreiben.

 

Im letzten Semester sind wir der Kraft der Ideen nachgegangen. Gesucht haben wir nach solchen Ideen – in der Geschichte und in der Gegenwart –, die Menschen berühren und entscheidende Impulse für die Schaffung des ganzheitlichen Ortes auslösen. Wir vertreten die Überzeugung, dass die breit gestützte Idee, unabhängig davon, ob deren Ausgangspunkt nun ein architektonischer, ein sozialer oder ein kultureller ist, zu einer wiedergefundenen kulturellen Identität führen kann. Eine kräftige und wirksame Idee ist für uns eine solche, die einer Intention präzise folgt und trotzdem genügend Freiheit lässt für die individuelle Handlung. Eine Richtungsangabe für – zunächst – unabsehbare Folgeschritte ist bereits im Sehen und Erblicken der Idee enthalten, sozusagen in der Geburtsstunde der Idee.

 

Damit Ideen eine Relevanz für den Ort haben, können sie nicht willkürlich und ohne die Berücksichtigung der Relevanz des anthropologischen Ortes gedacht werden. Die Befolgung einer schrankenlosen Freiheit würde die Freiheit anderer tangieren. Eigentlich bewegen wir uns immer in einer Welt von Regeln; handle ich im Sinne einer Ethik, so bin ich nur bedingt frei. Gerade der Raum der Beziehungen und der solidarischen Grundhaltung verlangt nach Regeln, jedoch nach offenen Regeln, nicht unbedingt nach denen einer Moral und nicht nach einem Königsweg.

 

Deshalb ist das Ziel unserer Lehre die Stärkung der Autonomie des Einzelnen. Dieser autonome Mensch ist selbstbewusst, selbstkritisch und verzichtet keineswegs auf Solidarität. Wir wollen also nicht eine bestimmte Art von Architektur vermitteln – sei es im Sinne von Methoden, Bildern oder Stilrichtungen. Wir wollen vielmehr den Diskurs über eine allgemein gestützte Grundhaltung führen und somit die Entscheidungen zu einer Entwurfsidee erleichtern.

 

Im kommenden Semester entwickeln wir Ideen für das Val Lumnezia, ein Seitental in der Bündnerischen Surselva. Die ökonomische Grundlage ist die Landwirtschaft, ein bescheidener Tourismus und das lokale Gewerbe. Wie im gesamten Berggebiet findet auch im Val Lumnezia eine Abwanderung zu den Zentren statt. Sämtliche Gegenmassnahmen im Sinne von Subventionen zur Stützung der Landwirtschaft, wie auch die grossen Investitionen im Zweitwohnungsbau, konnten die Tendenz nicht stoppen. Die Zuwanderung zum Val Lumnezia ist bescheiden. Das Tal hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert; im Innern wie im Äusseren. Das Empire hat auch hier gewirkt; die universell organisierten Netzwerke haben die Kultur der Menschen spürbar beeinflusst. Die mit dem Begriff Empire prognostizierten Überformungen haben sich bestätigt; die Peripherie mit ihren bislang homogenen Kulturen reagieren viel sensibler auf Veränderungen als die Zentren.

 

Die Dörfer des Val Lumnezia sind nun zu einer einzigen politischen Gemeinde zusammengeschlossen. Das geschah vor allem unter einem ökonomischen und politischen Druck von aussen. Die Probleme sind geblieben. Im Vergleich zu den Regionen, die enger am Netzwerk des Kapitalflusses angeschlossen sind, bleibt das Val Lumnezia „potenzialarm“. Eine Beurteilung ausschliesslich nach ökonomischen Kriterien liesse Gebiete wie das Val Lumnezia kaum eine Existenzberechtigung. Für eine Teilhabe an diesem landesweit üblichen Lebensstandard gibt es – vorausgesetzt die für die Natur verheerenden Investitionen bleiben aus – nur eine Möglichkeit: Die Defizite wie schlechte Erreichbarkeit, zu kleine Bevölkerungszahl oder die grosse Distanz zu den Zentren müssen an Relevanz verlieren und zum Standortvorteil umgepolt werden. Die Herstellung von qualitätsvollen Produkten oder eine andere und fundiertere Verankerung der heutigen Bild-Ästhetik in architektonischer Sicht könnte diese Absicht stützen.

 

Für eine langfristig „bessere Welt“ – nicht nur für die Einheimischen, sondern für die ganze Menschheit – kann und darf das Sich-Behaupten im Wettbewerb nicht genügen. Die Zukunft muss Veränderungen bringen. Mit dieser Zielvorstellung gilt es, sich einfühlsam auf die konkreten Realitäten einzulassen, anderseits muss deren dialektischer Gegensatz im Blick bleiben, der Traum der kulturellen, sozialen und architektonischen Utopie, die über das Gegebene hinausweist.

 

Als mögliche Schritte in dieser Richtung sehen wir für das Val Lumnezia:

  • Eine Infrastruktur- und Raumplanung im Interesse des ganzen Tales; jeder fühlt sich als Gewinner.
  • Eine Ökonomie mit dem Ziel die vorhandenen Ressourcen aufzuwerten; ein Wirtschaften, das durch wertvolles Handwerk geprägt ist.
  • Ein Tourismus, der nicht die inszenierte Erlebnissteigerung als Ziel hat, sondern ein solcher, der wirksame Erfahrungsräume bietet.
  • Eine Landwirtschaft, die ihre Produkte aus der örtlichen Beschaffenheit und aus den Erkenntnissen der herrschenden Verhältnisse gewinnt.
  • Investitionen, die nicht primär dem Ziel der Kapitalvermehrung folgen, sondern Multiplikatoreneffekte ausweisen; das Ziel der Lebensqualität steht über dem des Lebensstandards.
  • Eine Art Deckungsgleichheit zwischen Natur und Kultur; eine Lebensform in der die Unterscheidung von Natur und Kultur nicht so zentral ist, wie im heutigen Naturverständnis. Damit liesse sich das oftmalige Scheitern von Extremgruppierungen überwinden; das der Schützer und jenes der frenetischen Entwickler.

    Diese Szenarien bezeichnen wir als eine reale Utopie, eine auf unbestimmte Zeit realisierbare. Gemeint ist weder ein Zurück-zur-Natur noch die Suche nach der verlorenen Welt. Vielmehr geht es darum, Tatsachen und Eindrücke unserer Zeit in Bedeutungen umzuformen.

     

    Das Ziel bleibt – nicht nur in Val Lumnezia – eine Welt der kulturellen und architektonischen Differenzen zu schaffen. Orte zu schaffen, die bewusste Zugehörigkeit vermitteln bzw. stärken – eine Notwendigkeit für die Übernahme von Verantwortung. Um solche (architektonischen) Ideen zu verwirklichen, die die Singularitäten des Kontextes berücksichtigen und nicht einzig die objekthafte Autonomie als Ziel haben, sehen wir drei Schritte.

     

    1. Das Kosmopolitische als Denkart

     

    Mit Kosmopolis meinen wir das präzise und aufmerksame Verhalten im Lokalen. Der Fokus der Aufmerksamkeit ist auf den besonderen Fall gerichtet. Das ist auch die Intention von Stephen Toulmin in seinem Buch Kosmopolis. Die unerkannten Aufgaben der Moderne: die Blickrichtung ändern, d.h. nicht von einem konstruiert vorrangigen Allgemeinen (z.B. einem Theorienverband) ausgehen, sondern umgekehrt blicken, vom Besonderen aus auf das Brauchbare, Notwendige, Dienliche. Dabei soll der interessierte und rücksichtsvolle Blick auf das Ganze dieser Welt jedoch nicht vergessen werden. Ganz im Sinne von Stephen Toulmin wollen wir uns dem Mündlichen, dem Besonderen, dem Lokalen und dem Zeitgebundenen neu zuwenden. Charakteristisch bei Empire ist das Fehlen von Grenzziehungen, im Modell von Kosmopolis hingegen sind gerade die Zeichen der Zuordnung im Sinn einer Schaffung von Überschaubarkeit wichtig. Erst daraus erwächst unserer Ansicht nach eine wirksame Motivation und schlussendlich eine Verantwortung für den eigentlichen Ort. Im Gegensatz zum Empire – wo aus der Vielheit der „Multitude“ Unterschiede in beliebiger Weise entstehen, verdrängen und verdrängt werden – wollen wir die Differenzen, hergeleitet aus den lokalen Gegebenheiten, jedoch bewusst produzieren. Die Stärkung von kulturellen Differenzen ist nicht konfliktlos; der Respekt vor dem Andersartigen ist Bedingung. Das Gemeinsame innerhalb der Kulturen muss erkannt und respektiert werden.

     

    2. Die Differenz als Arbeitsmethode

     

    Differenz meint nicht das willkürlich Andere, Differenz ergibt sich aus der Entfaltung der Stärken eines Ortes. Mit Ort meinen wir sowohl das Physikalische wie das Immaterielle. Festzuhalten ist, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Differenz und Eigenheit gibt; Differenzen unterscheiden sich von Eigenheiten wesentlich dadurch, dass sie aktive Bezugselemente sind, während Eigenheiten voneinander isoliert bleiben. Erst aus der Konfrontation der Eigenheiten und dem damit einhergehenden Versuch ihrer Entschlüsselung, entsteht sowohl ein Ansatz von Verständnis füreinander als auch spürbare Differenzen. Bei der Produktion von Differenz gilt es erstens zu beachten, dass das Bild des ganzheitlichen Ortes eine Konzentration von Ursachen ist – von Gegebenheiten, Bedürfnissen, Zwängen und kulturellen Gewohnheiten. Zweitens darf der Ausdruck, der die Differenzen zu anderen Orten konstituiert, nicht durch willkürliche Suche nach Andersartigkeit erfolgen, sondern durch die Stärkung des je Eigenen. Drittens richtet sich die Suche nach den spezifischen Eigenschaften (des Eigenen) auf den Ort mit seinen offensichtlichen und oft auch verborgenen Quellen und der darauf sich beziehenden Kultur. Viertens ist für die Wirksamkeit der Differenz zu anderen Orten ein gewisses Quantum des Fast-Gleichen notwendig. Letztendlich ist nicht die Differenz das Ziel, sondern die wirksam entfaltete Identität – ein tief menschliches Bedürfnis.

     

    3. Die Zuwendung zum Lokalen in der Umsetzung

     

    Mit „lokal“ meinen wir die Nähe zu den Dingen. Gemäss dieser Vorstellung und der von ihr verlangten Intensität kann alles und überall lokales Bauen sein, sowohl im Bergdorf wie in der Stadt. Einzig die Bedingungen und die damit verbundenen Prozesse sind anders. Durch die Zuwendung zum Lokalen wird Arbeit am Ort geschaffen und durch den beschränkten oder gar willentlich beschränkten Zugriff auf Materialien Differenzen – schon heute gewinnt dieses Prinzip an ökologischer Bedeutung.

     

    Claude Lévi-Strauss bezeichnet im Buch Das Wilde Denken diese Tätigkeit als intellektuelle bricolage und hält fest: „Im Unterschied zum Ingenieur macht der bricoleur seine Arbeiten nicht davon abhängig, ob ihm die Rohstoffe oder Werkzeuge erreichbar sind, die je nach Projekt geplant und beschafft werden müssten; die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen. Die Mittel des bricoleurs sind nicht im Hinblick auf ein Projekt bestimmbar, sie lassen sich nur durch ihren Werkzeugcharakter bestimmen.“ Die Theorie von Lévi-Strauss erscheint uns in mehrfacher Hinsicht als vielversprechend für die Architektur; im besten Fall wird beim Handlungsmuster der bricolage durch die erforderliche Kreativität im Umgang mit begrenzten Mitteln jene Trennung und Klassifizierung von Wissensbereichen (Fachwissen-Laienwissen, Theorie-Praxis, Wissenschaft-Kunst) aufgehoben, die sie sich in unserer Gesellschaft seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat.

     

    Die hier skizzierte Dreiteiligkeit des Vorgehens ist noch keine Architektur. Sie gibt uns jedoch Halt. Wir betrachten eine bewusste und frei entschiedene Einschränkung (in der Auswahl des Materials) nicht als Hindernis und auch nicht als Einschränkung von Freiheit. Durch das Sich-Einlassen und durch das Gewinnen von Nähe zu den Dingen sowie durch das Verstehen ihrer Gesetzmässigkeit wird der Freiraum unendlich gross.

     

    Entlang dieser Verhaltensformen wollen wir im kommenden Semester Ideen gewinnen, die für die zu lösenden Entwurfsaufgaben stehen. Zudem wollen wir uns bemühen, den Anspruch der Architektur zu erfüllen. Dieser Anspruch heisst fruchtbare Nähe gewinnen zu den Dingen, die die Menschheit schon immer begleitet haben: Raum, Topographie, Material, Konstruktion. Konstitutiv für diese Dinge ist ihre Eigenart, aber auch die mit ihnen verbundene Emotion und die Ereignisse, in die sie eingebunden sind. Als Elemente einer Kultur sind sie Ansatzpunkte für den architektonischen Entwurf.

     

    Die Entwurfsaufgaben reichen von der Umnutzung von leerstehenden Schulhäusern, von der Entwicklung von zeitgebundenen Wohnformen bis hin zur Frage nach dem Umgang mit den nicht mehr gebrauchten Ställen. Die Entwurfsorte befinden sich in verschiedenen Dörfern des Val Lumnezia. Diese Arbeiten sollen auch die Erkenntnis nach der Bedeutung von baulichen Infrastrukturen in Bezug auf die Lebensqualität des fusionierten Bergtales bringen. Ein Tal, das sich von der Welt nicht absondert, sondern vielmehr auf die Stärkung der Differenzen setzt, um überhaupt ein ernstzunehmender Beziehungspartner zu sein.

     

    Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich

    Assistenten: Thomas Stettler, Franziska Wittmann, Silvan Blumenthal

    Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Josef Perger

    Anzahl Studierende: 16

    Unterrichtssprache: Deutsch

    Arbeitsweise: Einzelarbeit

    Aufgabentyp: Entwurf (LV 051-1102-16, 13KP)

    Einführung: Dienstag, 23. Februar 2016, 11.00 Uhr in Vella.

     

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    12.01.2016 webmaster@arch

     

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